5,3 Milliarden Euro Staukosten: Studie fordert neue Prioritäten im Straßenbau

14.08.2026 13:30 Uhr | Lesezeit: 4 min
Eine gemeinsame Studie von Bridge the Momentum und EY-Parthenon, unterstützt von DKV Mobility und Vitronic: „Digitale Straße Deutschland“.
Staus, Brückensperrungen und Infrastrukturmängel verursachen laut einer Studie jährlich Kosten von 5,3 Milliarden Euro
© Foto: Screenshot VerkehrsRundschau/Bridge the Momentum und EY-Parthenon

Deutschlands marode Straßen verursachen laut einer neuen Studie jährlich Stau- und Ausfallkosten von 5,3 Milliarden Euro. Ein neuer Economic Reach Index (ERI) soll künftig zeigen, wo Investitionen in Straßeninfrastruktur den größten wirtschaftlichen Nutzen bringen und wie Bund und Betreiber knappe Mittel gezielter einsetzen können.

Der Zustand der deutschen Straßeninfrastruktur belastet die Wirtschaft nach Einschätzung vieler Unternehmen zunehmend. Laut der Studie „Digitale Straße Deutschland“ sehen 84 Prozent der Unternehmen marode Straßen mittlerweile als wirtschaftliche Bremse. 2013 lag dieser Wert noch bei 59 Prozent. Gleichzeitig summieren sich die jährlichen Stau- und Ausfallkosten nach Angaben der Studienautoren auf rund 5,3 Milliarden Euro.

Studie sieht Steuerungsdefizite bei Infrastrukturinvestitionen

Die Studie "Digitale Straße Deutschland" von den Beratungshäusern Bridge the Momentum und EY-Parthenon, unterstützt von DKV Mobility und Vitronic, kommt zu dem Schluss, dass Deutschland bei der Straßeninfrastruktur nicht in erster Linie ein Finanzierungsproblem hat, es wird nur noch nicht dort eingesetzt, wo es der Wirtschaft am meisten nutzt. Aus Sicht der Autoren fehlt vor allem ein Instrument, das Zustand, Nutzung, Investitionen und wirtschaftliche Wirkung von Straßen systematisch miteinander verknüpft.

Michael C. Blum, Partner bei EY-Parthenon mit Schwerpunkt auf Mobilitäts- und Infrastruktursysteme
© Foto: EY Corporate Solutions GmbH & Co.KG

„Niemand hat versagt. Aber auch niemand hat bislang das Gesamtbild: Zustand, Nutzung, Investition und Wirkung einer Straße hängen zusammen, werden aber unzureichend zusammengeführt. Im Grunde eine strukturelle Governance-Lücke“, stellt Michael C. Blum, Partner bei EY-Parthenon mit Schwerpunkt auf Mobilitäts- und Infrastruktursysteme, fest.

Economic Reach Index soll wirtschaftliche Bedeutung sichtbar machen

Kern des vorgeschlagenen Modells ist der Economic Reach Index (ERI). Das Instrument soll ermitteln, welche Straßenabschnitte für Unternehmen, Beschäftigte und Märkte besonders wichtig sind und wo Investitionen den größten volkswirtschaftlichen Effekt erzielen können. 

„Der ERI funktioniert wie ein Kompass für Investitionsentscheidungen“, so Blum.

Anders als klassische Kennzahlen berücksichtigt der Index reale Reisezeiten und die Zuverlässigkeit von Verkehrsverbindungen. Entscheidend ist damit nicht allein die Länge einer Strecke oder die Verkehrsmenge, sondern die wirtschaftliche Bedeutung eines Straßenkorridors für eine Region.

Verkehrskorridore als Grundlage für die Priorisierung

Am Beispiel der Achse Hamburg-Hannover-Wolfsburg zeigt die Studie, wie stark Staus oder Sperrungen die wirtschaftliche Erreichbarkeit beeinflussen können. Der Ansatz bewertet deshalb, wie viele wirtschaftliche Aktivitäten von einem bestimmten Straßenabschnitt abhängig sind und welche Folgen Ausfälle für Unternehmen und Beschäftigte haben.

Digitale Zwillinge sollen Investitionen berechenbar machen

Ergänzend zum Economic Reach Index schlagen die Autoren den Einsatz digitaler Zwillinge vor. Diese digitalen Abbilder des Straßennetzes verknüpfen auf einer Plattform Informationen zum Zustand, zur Nutzung und zur wirtschaftlichen Wirkung einer Infrastruktur.

Investitionen könnten dadurch vor ihrer Umsetzung simuliert und hinsichtlich ihres erwarteten Nutzens bewertet werden. Nach Angaben der Studienautoren wird dieses Prinzip bereits auf der A6 im Projekt ViA6West sowie auf der A9 im Projekt Providentia++ eingesetzt.

Wirkung von Investitionen rückt stärker in den Fokus

Der vorgeschlagene Ansatz aus Index und digitalem Zwilling in Kombination soll Investitionsentscheidungen künftig stärker am volkswirtschaftlichen Nutzen ausrichten. Straßenzustand, wirtschaftliche Bedeutung und Netzrelevanz würden gemeinsam bestimmen, welche Maßnahmen prioritär umgesetzt werden.

„Für mich zählt am Ende eine Frage: Welche volkswirtschaftliche Wirkung erzeugt ein eingesetzter Euro? Ganz gleich, ob er aus der Lkw-Maut, dem Bundeshaushalt oder von privatem Kapital stammt - entscheidend ist, dass wir diese drei Säulen endlich so kombinieren, dass der wirtschaftliche Nutzen am größten ist und früh wirkt“, sagt Blum.

„Wer Infrastruktur als wirtschaftliches System versteht, kann ihren Wert messbar und vergleich-bar machen, jenseits von Kosten und Kilometern. Der Economic Reach Index zeigt, wo eine Maßnahme die größte volkswirtschaftliche Wirkung entfalten kann, und schafft so eine belast-bare Grundlage, um knappe Mittel wirkungsorientiert zu priorisieren“, ergänzt Tobias Merten, Partner von Bridge the Momentum.

Pilotprojekt soll Praxistauglichkeit nachweisen

Für die Umsetzung empfehlen die Autoren zunächst einen Pilotkorridor. Dort soll getestet werden, wie sich das Zusammenspiel aus Economic Reach Index, digitalen Zwillingen und wirkungsorientierter Priorisierung unter realen Bedingungen bewährt. Verantwortlich sollen die jeweiligen Betreiber vor Ort bleiben. Eine unabhängige Stelle sorge dann zusätzlich dafür, dass die Priorisierung nachvollziehbar bleibt – keine neue Behörde, sondern eine Art Qualitätskontrolle für den Prozess.

„Die technologischen Bausteine für eine intelligentere Straße sind vorhanden“, sagt Boris Wagner, Head of Business Unit Traffic bei Vitronic. „Innovative Sensorik, digitale Modelle und daten-basierte Auswertung sowie effizienter Betrieb stellen sicher, aus Infrastrukturzustand und Verkehrsgeschehen ein besseres Lagebild zu gewinnen. Der nächste Schritt ist, diese Informationen konsequent für Priorisierung und Wirkungsmessung nutzbar zu machen.“


"Insbesondere der Güterverkehr zeigt Tag für Tag, wie das Straßennetz tatsächlich funktioniert – wo es fließt und wo es stockt."

- sagt Jérôme Lejeune, Managing Director bei DKV Mobility. „Daten aus Nutzung, Betrieb und Infrastruktur müssen stärker zusammengeführt werden, damit wir Engpässe frühzeitig erkennen und knappe Mittel effizient einsetzen – und perspektivisch auch den Verkehr intelligenter steuern können.“


Infrastruktur-Zukunftsgesetz schafft neue Voraussetzungen

Laut Studie liefern heute bereits viele Anbieter Stauinformationen. Neu sei, diese systematisch mit Zustands- und Investitionsdaten zu verknüpfen. Erst so könne aus einer Verkehrsmeldung eine belastbare Entscheidungsgrundlage dafür entstehen, wo als Nächstes investiert werden sollte.

Nach Ansicht der Studienautoren eröffnet das Infrastruktur-Zukunftsgesetz, dem der Bundesrat am 10. Juli 2026 zugestimmt hat, neue Möglichkeiten, Verkehrsprojekte künftig stärker nach ihrem Nutzen zu priorisieren. Vorgeschlagen werden unter anderem ein wirkungsorientierter Bericht an den Bundestag, die Zusammenführung von Zustands- und Mautdaten und politische Unterstützung für ein erstes Pilotprojekt.

„Die Milliardenfrage ist beantwortet. Die Steuerungsfrage beginnt jetzt. Gelingt der Nachweis an einem ersten Beispiel, wird aus einer Studie ein neuer Maßstab für Infrastrukturpolitik“, sagt Rainer Scholz, Partner von Bridge the Momentum.


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